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Fr�her hing man in der P�dagogik und in der Entwicklungspsychologie Stufen- und Phasentheorien an. Bei diesen Theorien wurde angenommen, Kinder entwickelten sich nach einem phylogenetisch festgelegten Plan in Stufen oder Phasen,
So schien die psychische Entwicklung ans Lebensalter gekoppelt und konsequenterweise wurden die Kinder beispielsweise in Jahrgangsklassen m�glichst gleich erzogen. Auch die Altersgrenzen zum Schutz der Kinder orientierten sich an solchen Stufentheorien.
An einem einfachen Beispiel kann jedoch verdeutlicht werden, da� bei dieser Denkweise Ursache und Wirkung vertauscht wurde. Weil Kinder lange Zeit behandelt wurden, so als w�ren sie erst mit sechs Jahren reif f�rs Lesenlernen, wurden ihnen auch erst in diesem Alter entsprechende Lernangebote gemacht. Mittlerweile wei� man, da� Kinder schon fr�her das Lesen erlernen k�nnen und da� weiterhin erhebliche individuelle Unterschiede bestehen. Noch unzutreffender w�re die Vorstellung von der [S. 72] kindlichen Entwicklung in Stufen, n�hme man als Beispiel komplexeres psychosoziales Verhalten, wie etwa gruppendynamisches oder speziell sexuelles Verhalten.
Mittlerweile hat man in vielen Untersuchungen nachgewiesen, da� eine solche Sicht von menschlichen Entwicklungsstufen falsch ist, denn:
Das bedeutet insgesamt, da� wir immer noch zu sehr von der Fehlanahme ausgehen, da� die kindliche Entwicklung von selbst nach inneren Gesetzm��igkeiten ablaufe ("Reifung") und da� diese Entwicklung nicht von au�en beeintr�chtigt werden d�rfe. Zus�tzlich wird f�lschlicherweise angenommen, die psychische Entwicklung sei an bestimmte Altersstufen gebunden, und zwar ohne allzu gro�e individuelle Variationen. Diese feste Bindung an das Lebensalter und k�rperliche Funktionene wird weitgehend erst k�nstlich - und zwar von au�en! - produziert. Dies kann man besonders deutlich am Problem der Pubert�t beobachten. Menschen vor der Pubert�t werden gemeinhin als asexuelle Kinder behandelt (und verhalten sich dann auch weitgehend nach diesem Vor-Bild). Menschen nach der Pubert�t gelten demgegen�ber als sexuelle Wesen. Pubertierende haben Schwierigkeiten, wenn sie so pl�tzlich in die neue Rolle hineingeworfen werden, ohne da� es ihnen vorher gestattet war, ausf�hrliche Lernerfahrungen [S. 73] dazu zu sammeln. Die Stufentheoretiker sagen dann: "Ja, das sind die typischen Entwicklungsprobleme in der pubert�ren Phase." Es wird deutlich, die Ursache wird als Wirkung gesehen.
Dies hat Konsequenzen f�r die Einrichtung von Schutzaltergrenzen, wie sie im Sexualstrafrecht festgelegt wurden. Die kindliche (Sexual)Entwicklung l�uft keineswegs wie eine Regressionsgerade stetig von "stark verletzbar" bis "nicht verletzbar".
Die gleiche sexuelle Handlung kann f�r ein M�dchen im Alter von 5 Jahren als belanglos, sp�ter in der Pubert�t als traumatisch und im Alter von 13 Jahren als positiv empfunden werden. Diese Empfindung h�ngt, wie auch die Verfasser des Alternativ-Entwurfs betonen, ganz wesentlich von der psychosozialen Situation des Kindes und von der Reaktion seiner sozialen Umwelt ab. Es ist nicht selbstverst�ndlich, da� Kinder, die im Elternhaus eine Erziehung zur Angst und zu besonders engen sexuellen Einstellungen erlebt haben, durch einen alle Kinder betreffenden allgemeinen Gef�hrdungstatbestand gesch�tzt werden sollen. Insbesondere nicht, wenn gerade diese Kinder besonders hoch gef�hrdet sind, durch die aufgebrachte Reaktion ihrer entsetzten Eltern sekund�r gesch�digt zu werden. Es ist nicht auszuschlie�en, da� das Sexualstrafrecht hier bedenkliches Erzieherverhalten unterst�tzt.